Ist Zähne-Zusammen-Beißen mit Willenskraft gleichzusetzen?

Ich saß vorhin am Schreibtisch und ließ ein Coaching-Gespräch mit einer lieben Klientin Revue passieren. Es ging u.a. um den Punkt, wann man sich seiner Emotion hingibt und wann man auch mal STOP sagt, und eben nicht den Fuß ins Dramaland setzt. Also quasi die Zähne zusammenbeißt, auch wenn etwas in uns grad einen anderen Weg einschlagen will.

In meinen Augen ist es immer wieder eine Gratwanderung, zu entscheiden, ob wir einer bestimmten Emotion nachgeben oder eben nicht. Unser Geist liebt grundsätzlich die bekannten und lange eingeübten Reiz-Reaktions-Muster, die wir oftmals nur bei genauer Betrachtung entlarven können. Ich bin zutiefst davon überzeugt, genau diese Muster immer wieder zu hinterfragen, um so unser persönliches Wachstum zu fördern und noch leuchtender zu strahlen. Aber gelingt das nur mit Zähne-Zusammenbeißen?

Um Veränderung in unserem Verhalten zu bewirken, kann es schon Mal gut sein, die Zähne zusammen zu beißen und trotz des ersten Impulses abzuwarten und sich ganz bewusst für einen andere Reaktion zu entscheiden. Ab und zu ist Zähne zusammenbeißen also sicherlich hilfreich. Soweit so gut.

Aber dann kam mir die Frage in den Sinn:  Was wenn wir nur noch die Zähne zusammenbeißen, und es uns gar nicht mehr bewusst sind? Ist es dann noch verwunderlich, dass mittlerweile jeder zweite Deutsche nachts mit den Zähnen knirscht und deshalb eine Beißschiene trägt, wenn wir ihm als jungen Menschen vermitteln: Beiß (öfter Mal) die Zähne zusammen?

Schon Goethe verwendete die Redewendung 1773: „Ich wollt nicht weinen. Ich wollte die Zähne zusammenbeißen und an meinem Grimm kauen“. Genau dafür steht dieses geflügelte Wort: Bei zusammengepressten Zähnen kommt kein (Schmerz-)Schrei heraus und so kann man etwas überwinden, durchhalten, beherrschen und sich zusammennehmen.

Ich weiß, nicht immer ist der Zusammenhang so leicht herzustellen, und doch ist in meinen Augen ganz viel Wahres dran.

Wie war das bei Dir? Kannst Du Dich daran erinnern, was man zu Dir sagte, wenn Du Dich mal so richtig beherrschen solltest? Gab es da auch so Sätze wie: Beiß die Zähne zusammen? Kneif den Po oder die A…backen zusammen und stell Dich nicht so an? Also bei mir war das so, und sicherlich war das in vielen Situationen auch sehr hilfreich und wirkungsvoll. ABER heute weiß ich: Es wurde irgendwann toxisch!

Grundsätzlich ist nichts dagegen zu sagen, sich in bestimmten Situationen mal so richtig anzustrengen und durchzuhalten, auch wenn eine innere Stimme schon ruft  „Hilfe, ich kann und will nicht mehr“. Aber es ist und bleibt eine Gratwanderung.

Der Satz bezieht sich nämlich immer nur auf eine bestimmte, zeitlich begrenzte Situation. Und das ist entscheidend! Unbedingt wichtig ist, im Anschluss an die besondere Situation wieder völlig zu entspannen und locker zu lassen. Kannst Du Dich daran erinnern, dass Dir das früher auch gesagt wurde? Ich leider nicht….

Welche Bedeutung haben solche Sätze? Sätze, die in unserer Gesellschaft etabliert und als völlig ’normal‘ angesehen werden? Was, wenn solche Sätze sich wirklich in unserem Unterbewusstsein festsaugen und wir Stück für Stück lernen, immer stärker im Zusammenbeiß-Modus zu funktionieren, weil uns damals niemand verraten hat wie es geht, nach diesen Durchhalte-Momenten zu entspannen? Und was, wenn sich dieses Nichtwissen, die Folgen dieses Nicht-Bewusst-Sein dann in Bruxismus-Symptomen zeigen? 

Und noch mehr? Was, wenn wir dieses dann verinnerlichte und somit unbewusste Muster direkt an unsere Kinder wieder weiter geben? Lernen sie dann auch, die Zähne zusammen zu beißen, auch wenn ihr Impuls ein anderer ist? Geht das dann immer weiter so? Ist es nicht unsere Aufgabe, hier anzusetzen und Veränderung zu bewirken?

Sind wir die Generation, die den Shift bewirken kann, nicht mehr nur durch Zähne-Zusammenbeißen etwas zu erreichen? Wie viel schöner wäre es, wenn wir unsere Erkenntnisse um die Balance an unsere Mitmenschen und die folgenden Generationen geben würden? So dass es in Zukunft immer mehr Menschen geben würde, die wohl dosiert ihre Willenskraft einsetzen und eben auch um die notwendigen Entspannungsphasen wissen.  

DAS ist für mich ein Aspekt der gelungene Selbst-Führung! 

Ja, in unserer schnelllebigen Welt ist Willenskraft unentbehrlich, aber eben im gesunden Maß. Und es ist eine Kunst sie, für sich selbst – und Entspannungsphasen – einzusetzen. Das reine Zähne-zusammenzubeißen ist etwas anderes. Zumal, wenn es überhand nimmt und das Leben bestimmt?

Körperliche Folgebeschwerden aufgrund des konstanten Zähne-Zusammenbeißens können sein: Schäden an Zähnen, Kiefergelenken und der Kiefermuskulatur, aber auch Tinnitus, Bandscheibenvorfälle, Migräne und weitere z.T. gravierende Krankheiten. Und was macht man nun, wenn man erfährt, dass man nachts ständig mit den Zähnen knirscht?

Balance, Entspannung und eben ausgewogene Selbstführung sind die Lösungsworte. Studien belegen, dass verschiedene Entspannungstherapien wirksam sind. Entspannung kannst Du mit Meditationen erreichen, Massage-Übungen (mittlerweile auch in Apps wie z.B. Kieferfreund.com) oder Biofeedback-Trainings sind sehr hilfreich und aber osteopathische Behandlungen, die die Beschwerden lindern.

Parallel dazu ist sicherlich Ursachenforschung sinnvoll, denn neben Stress können auch Medikamente oder Nikotin- und Alkoholkonsum der Grund sein, warum der Körper des Nachts Anspannung abbauen will.

Und um noch mal auf unser Kinder (und Enkel)  zurückzukommen: Was, wenn wir anfangen, andere Sätze zu schaffen, die einen ähnlichen Durchhalte-Effekt haben, aber auch auf die Entspannung hinweisen, so dass beide Seiten der Medaille gleichermaßen beleuchtet werden? Wie wäre es mit dem einfachen: „Möchtest Du das Ziel erreichen? Weißt Du, dass du über Super(wo)man kraft verfügst? Du kannst sie aktivieren! Es ist Deine Willenskraft, und die ist riesig! Und danach, wenn du das geschafft hast, entspannen und feiern wir gemeinsam!“ 

Für all diejenigen, die aktuell noch stark im Zähne-Zusammenbeiß-Modus sind, habe ich eine sehr wirkungsvolle Methode aufgeschrieben, die Dich unterstützen kann, Entspannung quasi ‚nebenbei‘ zu trainieren. Melde Dich einfach bei mir. Ich schicke Dir gerne die Anleitung. Und das ganz unabhängig davon, ob Du nun (schon) Zähneknirscher bist oder (noch) nicht. 🙂

Und ansonsten wünsche ich Dir eine stets gelingende Gratwanderung zwischen Zähne-Zusammen-Beißen und Loslassen, zwischen Anspannung und Entspannung und das Entlarven alter Reaktions-Muster, die nicht (mehr) zu Deinem Wohle sind.

Herzlichst

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